"12 Ansichten", Videoinstallation zum Projekt DER ROMKREIS, Ausschnitt oben

            "Präparat eines Kaffeetrinkers", Tasse mit Kaffeerest, Insekt, 2003

Das Foto ist Teil einer Dokumentation von Fundstücken, Alltagsobjekten und diversen anderen Gegenständen, die im Zusammenhang der Beschäftigung mit der Kreisform während des Projektes der ROMKREIS eine zunehmend sich verselbständigende Sammlung bilden. Eine Auswahl davon ist auf der Seite Objekte zu finden.

Grundsätzliche Gedanken zu inhaltlichen, formalen und theoretischen Aspekten meiner Arbeit.

 

DER ROMKREIS

 

Die Faszination des Sinnlichen, besonders die optischen Phänomene einerseits aber auch ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Bildhaften und seiner verführerischen Kraft andererseits bestimmen als scheinbar gegensätzliche Pole mein Werk.

Der Autonomie des Materials in Bildern und Objekten auf der einen Seite steht eine interdisziplinäre Haltung gegenüber, in der naturwissenschaftliche Theorien, laborähnliche Installationen und handlungsorientierte Projekte bildnerische Prozesse forschend begleiten.  

Der Gebrauch von Materialien und Gegenständen, die traditionell der Kunst fernstehen und in diesem Kontext somit wertlos erscheinen und ihre  Konfrontation mit den tradierten Mitteln werden in diesem Zusammenhang als Methoden genutzt, um Bedeutungen zu hinterfragen und tiefere Strukturen in einem bildnerischen Prozess freizulegen. 

Am Beispiel des Projektes Der Romkreis kann dieses Prinzip verdeutlicht werden. 

In der im Bild unten sichtbaren Lichtmessung wird ein Alltagsgerät, ein Schaumlöffel, der mit seiner Beziehung zur Küche und zum Kochen traditionell dem Weiblichen zugeordnet wird, mit dem Pantheon in Rom in Verbindung gebracht. Die Nähe zu der Kuppel und zu ihrer runden Öffnung, die für die Sonne steht und deren Licht auch als Lichtfleck im Innern den jeweiligen Sonnenstand sichtbar macht, lädt das einfache Küchenutensil mit vielfältigen Bedeutungen auf.

 

Lichtmessung am Pantheon in Rom 2004

 

Zum besseren Verständnis meines Werkes, meiner Arbeitsweise und meiner Ziele, soll auf das Gesamtkonzept des Projektes Der Romkreis, das 2004 in Rom realisiert wurde, hier kurz eingegangen werden.

Nähere Erläuterungen sowie weitere Fotos sind auf den Seiten PROJEKTE/DER ROMKREIS zu finden.

 

Die Aktion

bestand vordergründig zunächst aus der Markierung eines Kreises um das Pantheon an zwölf ausgewählten Punkten.

Die Wahl des Kreises, der als geometrische Grundform auch die Kuppel dieses Bauwerkes bestimmt, die Zahl 12 und der Messvorgang greifen sakrale, politische, kosmologische und ästhetische Vorstellungen auf, die in der Entstehungszeit des Pantheons präsent waren, deren Verbildlichung wahrscheinlich auch für den Bau des Tempels selbst ausschlaggebend waren und die bis heute wirksam sind.

Exemplarisch sollen dazu nur die außerordentliche Bedeutung der Zahlen - für die Pythagoreer waren sie etwas Heiliges - und des Quadriviums (die Wissenschaften der Geometrie, der Arithmetik, der Musik und der Astronomie) zur Zeit des Pantheonbaues erwähnt werden. 

In der ritualisierten Handlung meines Projektes, der Messung und Markierung, wird noch eine weitere Idee angesprochen. Sie strebt eine Verbindung von oben und unten an, von Geist und Materie und von Himmel und Erde, wie sie im Konzept des Pantheons enthalten ist und wie sie ursprünglich von Platon entwickelt mit philosophischen Konsequenzen im Neoplatonismus durch die Geschichte des Christentums hindurch im abendländischen Denken  verankert wurde.

Die perforierte Suppenkelle - in ihrer Mitte mit einer zentralen Lichtöffnung, umgeben von 12 weiteren im nächsten Ring - ist ein ideales Instrument, um diese Verbindung zu verbildlichen.

Gegen den Himmel und die Sonne gerichtet sind die Lichtpunkte reine geometrische Form, körperloses Licht und apollinische Ordnung.

Nach unten auf das Pflaster gelegt, wo die Markierung durch den Blütenstaub erfolgt, berührt das Instrument die Erde, nimmt Kontakt mit dem Staub, dem Dreck, dem chtonisch Ungeformten und dem Vergänglichen auf.

Patriarchale und matriarchale Ordnungen werden traditionell oben und unten lokalisiert, was sich auch in der Vorstellung von der Dominanz des Männlichen in politischer Herrschaft niederschlägt. Die erste, eine expansive, die Welt erobernde Haltung, die Natur transzendierend, tendenziell zerstörend, die Sterne und das Universum, besonders die Sonne im Blick, wird seit antikem Denken dem Männlichen zugeordnet. Die zweite, eine auf das Selbst, auf die Gemeinschaft und deren Sicherheit und Bewahrung bezogene, die mit der Natur und der Erde verbunden ist, wird als weiblich gesehen.

Die beschriebene Handlung der Lichtmessung und Markierung führt beide zusammen, sie schafft ein Bild der Versöhnung: mit beiden Füßen auf der Erde stehend, richtet sich der Messende zuerst nach oben zum Himmel und anschließend zum Boden, zur Erde. 

 

Der/die die Gestirne Messende und der/die die Suppe Rührende werden eins.

 

Die zwölffache Wiederholung des Rituals auf der Kreislinie und die Verwendung von Blütenstaub und Olivenöl verweisen auf unsere Doppelnatur, auf unsere - in kulturhistorischer Tradition so gedachte - Abstammung vom Göttlichen bei gleichzeitiger Verbindung mit dem Animalischen, auf das Geistige und die Materie, auf die Ordnung und das Chaos, auf Kultur und Natur und damit auf das Leben, seine Vergänglichkeit aber auch auf den immer neuen Anfang, seine ewig gleich bleibenden Zyklen.